Gute Nacht da draußen, wo immer ihr auch seid.

Zwischen Verschwörungstheorie und Überwachungsperfektion: Das Projekt INDECT

Wenn man eine neue Welt­be­herr­schungs­ge­schichte aus Moti­ven von Orwells 1984, Dicks Mino­rity Report und Dür­ren­matts Die Phy­si­ker schrei­ben wollte, dann käme wohl so etwas raus wie INDECT. INDECT ist das “Intel­li­gente Infor­ma­ti­ons­sys­tem zur Unter­stüt­zung von Über­wa­chung, Suche und Erfas­sung für die Sicher­heit von Bür­gern in städ­ti­scher Umge­bung”. Und über­wacht, gesucht und erfasst wer­den: Bür­ger.

Ob in Fuß­ball­sta­dien, in der Stra­ßen­bahn, am Bahn­hof, in Ein­kaufs­zen­tren oder beim Demons­tra­tio­nen: In Deutsch­land wer­den Men­schen in der Öffent­lich­keit dau­ernd über­wacht. Das Pro­jekt INDECT sieht vor, die Daten von allen ver­füg­ba­ren Über­wa­chungs­sys­te­men zu sam­meln und in Echt­zeit aus­zu­wer­ten: Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, Han­dyor­tung, Tele­fon­über­wa­chung, fest instal­lierte und mobile Video­ka­me­ras, Gesichts­er­ken­nung, beste­hende Daten­ban­ken und Inter­net­sei­ten. Damit ließe sich eine mobile Ziel­ver­fol­gung, wie man sie aus Kriegs­sze­na­rien kennt, in Innen­städ­ten durch­füh­ren. Die Pro­jekt­ver­ant­wort­li­chen haben ihre Phan­ta­sien dazu auch schon ver­filmt. Bis­lang schei­ter­ten der­ar­tige Daten­samm­lungs­pro­jekte immer am Infor­ma­ti­ons­über­fluss und an zuein­an­der inkom­pa­ti­blen Daten­ban­ken. Die­ses Pro­blem hat man inzwi­schen in den Griff bekom­men.

Weil die Poli­zei mit einem sol­chen Pro­jekt schon per­so­nell über­for­dert wäre, sol­len Com­pu­ter die Arbeit über­neh­men und Video­auf­nah­men nach abnor­ma­lem Ver­hal­ten aus­wer­ten. Unter­sucht wer­den also ent­ge­gen aller Unschulds­ver­mu­tung alle erfass­ten Per­so­nen. Abnor­ma­les Ver­hal­ten besteht nach Vor­gabe des Pro­jekts u.a. beim Flu­chen in der Öffent­lich­keit, beim Ren­nen am Flug­ha­fen, bei zu lan­gem Auf­ent­hal­ten in Tür­be­rei­chen, aber auch beim Zusam­men­tref­fen zu vie­ler Per­so­nen in Fuß­gän­ger­zo­nen. Hoo­li­gans, Sexu­al­straf­tä­ter und Ter­ro­ris­ten sind die übli­chen Ver­däch­ti­gen, nach denen Aus­schau gehal­ten wer­den soll. Die Ergeb­nisse der Com­pu­ter­un­ter­su­chun­gen wer­den schließ­lich zu einem auto­ma­ti­schem Benach­rich­ti­gungs­sys­tem wei­ter­ge­lei­tet. Der erste ernst­hafte Ein­satz von INDECT könnte bei der Fußball-WM 2012 in Polen statt­fin­den. Zwar sagen die Pro­jekt­ver­ant­wort­li­chen, dass nicht geplant sei, INDECT dort ein­zu­set­zen, aber Geneh­mi­gun­gen zu Test­zwe­cken in Sta­dien wur­den auch für die­sen Zeit­raum ein­ge­holt. Neben der nor­ma­len Über­wa­chung plant man beim Pro­jekt INDECT, Fan­ge­sänge live auf eine auf­kei­mende Bedro­hung abzu­hö­ren. Für die Über­wa­chung an Orten mit zu wenig instal­lier­ten Kame­ras sind Droh­nen vor­ge­se­hen, die mit Kame­ras aus­ge­stat­tet sind. Der­ar­tige Flug­ge­räte wer­den in Deutsch­land schon bei Castor-Transporten ein­ge­setzt.

In Deutsch­land ist neben Video­über­wa­chungs­fir­men die Uni­ver­si­tät Wup­per­tal an INDECT betei­ligt. Dort erforscht man für das Pro­jekt, inwie­fern sich aus Bil­dern und Videos Anzei­chen von mög­li­cher­weise straf­ba­ren Hand­lun­gen erken­nen las­sen. Die zustän­di­gen Wis­sen­schaft­ler in Wup­per­tal sehen sich aller­dings nicht in irgend­ei­ner Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen ihrer For­schung. Man lie­fere nur die Grund­la­gen­for­schung und sei nicht für die Ver­wen­dung ihrer Ergeb­nisse zustän­dig. Von Gewis­sens­bis­sen, wie sie Dür­ren­matts Phy­si­ker plag­ten, keine Spur. Ebenso wie die EU-Kommission stellt man es so dar, als ob es sich bei INDECT bis­lang nur um ein auf bloße For­schung begrenz­tes Pro­jekt han­delt. Der AStA Wup­per­tal sowie wei­tere linke Stu­den­ten­grup­pen for­dern seit letz­tem Novem­ber den sofor­ti­gen Aus­stieg der Uni­ver­si­tät aus die­sem Pro­jekt. Das Ver­hal­ten der Wup­per­ta­ler For­scher sei so, meint Kai Noth­durft, als ob man eine Waffe erfin­det, aber nicht mit­ver­ant­wort­lich sei, wenn jemand diese Waffe tat­säch­lich benutzt. Im Kern befin­det sich die Wis­sen­schaft hier in einem Zwie­spalt. Wie kann man sich vehe­ment gegen die Tren­nung von Wis­sen­schaft­ler und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter weh­ren, wäh­rend man die Auf­tei­lung in For­scher und Ver­ant­wort­li­che hin­nimmt?

Das EU-Projekt ist auch auf poli­ti­scher Ebene höchst umstrit­ten: Zwar gibt es eine Ethik-Kommission für die­ses Pro­jekt, aller­dings durf­ten die Pro­jekt­ver­ant­wort­li­chen diese Kom­mis­sion nach eige­nem Ermes­sen beset­zen. Und so ent­schei­det die Ethik-Kommission inzwi­schen neben ihrer eigent­li­chen Auf­gabe auch dar­über, wel­che Infor­ma­tio­nen über das Pro­jekt her­aus­ge­ge­ben wer­den. Das führt zu so bizar­ren Situa­tio­nen wie der fol­gen­den: Das EU-Parlament hat an das Pro­jekt eine Anfrage gestellt, nach wel­chen Kri­te­rien die Ethik­kom­mis­sion besetzt wor­den sei. INDECT ver­wei­gerte schlicht die Aus­kunft.

Noch ste­hen der Umset­zung der For­schun­gen des Pro­jekts tech­ni­sche und recht­li­che Hür­den im Weg. Aller­dings meint der EU-Abgeordnete Alex­an­der Alvaro (FDP), die “Men­schen­such­ma­schine” INDECT sei wie “ein Tan­ker, der schwer auf­zu­hal­ten sei, wenn er erst ein­mal auf Kurs ist”. Wer pro­fi­tiert also von die­sem Pro­jekt?

Pro­jekt­be­tei­ligte erzäh­len ziem­lich offen, dass wirt­schaft­li­che Inter­es­sen durch­aus eine Rolle spie­len:

Why not com­mer­cia­li­zing it?

Gut, viel­leicht schon des­we­gen nicht, weil die­ses Pro­jekt öffent­li­che Gel­der ver­schlun­gen hat. Aber wer an der­ar­ti­gen Stel­len auf rhe­to­ri­sche Fra­gen zurück­greift, der will über Daten­schutz wohl nicht ernst­haft nach­den­ken.

Es ist der­zeit nicht zu sagen, ob der­ar­tige Pro­jekte zu mehr Sicher­heit füh­ren oder die Bür­ger durch Dau­er­über­wa­chung zutiefst ver­un­si­chern. Aller­dings könnte INDECT ein Para­de­bei­spiel sein, wie Innen­po­li­tik durch sekun­däre Inter­es­sen aus­län­di­scher Orga­ni­sa­tio­nen und Aus­nut­zung von Schwach­stel­len der EU beein­flusst wird, und natio­nale Restrik­tio­nen umgan­gen wer­den.

Dann wäre nicht mehr die Frage, ob der Schutz vor kör­per­li­cher Unver­sehrt­heit gegen den Schutz der Pri­vat­sphäre aus­ge­spielt wird, zen­tral, son­dern ob Maß­nah­men zur phy­si­schen Sicher­heit der Bevöl­ke­rung die Staats­auf­gabe zur Her­stel­lung von Rechts­si­cher­heit unter­gra­ben.

wei­ter­füh­rende Links:
Seite des FIfF zu Indect – http://panopticum-europe.eu/

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Indect

Die Pro­jekt­seite – http://www.indect-project.eu/
Dom­ingo Conte – http://nomenom.blogspot.com/2011/01/projekt-indect_15.html, http://nomenom.blogspot.com/2011/01/uberwachungsstaat-20.html
West­deut­sche Zei­tung, 15.02.2011 – http://www.wz-newsline.de/home/panorama/video-ueberwachung-indect-grosser-bruder-aus-wuppertal-1.578701

Pira­ten­par­tei Deutsch­land – www.stopp-indect.info
Alex­an­der Alvaro im Deutsch­land­funk – http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1367715/

Nachtgeschichten

Die Nachtgeschichten von heute

  • Zum Tod des Netz­pu­bli­zis­ten Robin Meyer-Lucht: Meis­ter der Debatte – Digi­ta­les Den­ken – Feuille­ton – FAZ.NET – Auf­ge­weckt waren viele sei­ner Texte, leb­haft bis streit­lus­tig die Debat­ten, die er mit dem von ihm gegrün­de­ten Blog Carta ent­fachte: Der Medi­en­wis­sen­schaft­ler und Jour­na­list Robin Meyer-Lucht ist im Alter von 38 Jah­ren gestor­ben.
  • pri­ma­call zahlt, Spree­blick nimmt Bei­trag dem Netz − Bus­keis­mus – Wie so oft, die Äuße­rungs­frei­heit bleibt auf der Stre­cke. Gewin­ner sind die bei­den bekann­ten, vor­wie­gend als Abmah­ner bekann­ten Anwälte. Die Anwälte haben eine zusätz­li­che Ver­hand­lungs­ge­bühr erstrit­ten. Bei einem Streit­wert von 42.000 €, sind das immer­hin für jeden Anwalt ca. 1.500 € (zusam­men 3.000,00 €). 1/3 davon – ca. 1.000,00 € – zahlt Spree­blick. So teuer ist Spree­blick diese Seite gekom­men.
  • Vizekanzler-Gattin Wiebke Rös­ler: „Phil­ipp, viel Spaß mit den Krö­ten“ | RP ONLINE – Ich glaube, dass Fami­li­en­po­li­tik wenig bringt. Eltern müs­sen begrei­fen, dass nicht nur der Ent­schluss zu Kin­dern und die Ent­ste­hung der Kin­der ein Gemein­schafts­pro­jekt ist. Es sollte nicht mehr als Nor­mal­fall gel­ten: Der Mann geht arbei­ten, die Frau bekommt Kin­der, und wenn sie dann wie­der arbei­ten geht, hat sie halt Beruf und Kin­der. Nor­mal­fall sollte sein: Beide gehen alles gemein­sam an. Und zwar, weil man das so will – und nicht, weil man das von oben ver­ord­net bekommt oder es finan­zi­elle Anreize gibt. Das muss von einem selbst kom­men, es ist eine Sache der Ein­stel­lung. Genauso müs­sen auch Müt­ter abge­ben kön­nen. Ich erlebe oft, dass Müt­ter ganz schlecht Auf­ga­ben an Väter abge­ben. Da sind die Kin­der falsch ange­zo­gen, er hat ,mor­gens natür­lich den fal­schen Käse auf das Früh­stücks­brot gemacht’, falls es nicht sowieso ein­fach Kekse gab. Und dass ,er die Kleine nach dem Mit­tags­schlaf mit dem Mor­gen­gruß weckt – die kommt ja ganz durch­ein­an­der’.
  • Chris­toph Kap­pes zum Tod von Robin Meyer-Lucht – Mit Robin Meyer-Lucht hat uns ein klu­ger Kopf ver­las­sen, der zeit­wei­lig auch diese Zei­tung beriet. Die Som­mer­pause, in die er Carta im Juni die­sen Jah­res schickte, endet nicht mit dem Herbst und sei­nen rei­fen Früch­ten.
  • Neue Panne: Wahl­un­ter­la­gen im Müll gefun­den – Ber­lin – Tages­spie­gel – Einen Tag nach dem Bekannt­wer­den des Zähl­feh­lers in Lich­ten­berg gibt es die nächste Wahl­panne. In Lich­ter­felde wur­den unge­öff­nete Brief­wahl­un­ter­la­gen im Müll gefun­den. Die Kri­mi­nal­po­li­zei ermit­telt.
  • die enno­mane » Blog Archive » Die Pira­ten­par­tei vs. Sascha Lobo – so lange Sascha Lobo u.a. von den Ein­nah­men sei­ner Bücher lebt und auf der Gehalts­liste diver­ser Medi­en­häu­ser steht, wird er die Pira­ten­par­tei vor allem in der Urhe­ber­rechts­frage immer kri­ti­sie­ren und angrei­fen.
  • Ruhe in Müns­ter – Müns­ter ist die lei­seste Groß­stadt in ganz Deutsch­land. Unter­sucht haben For­scher des Fraunhofer-Instituts alles, was es an Lärm gibt zwi­schen Autos, Zügen und Indus­trie – und dem­nach ist Müns­ter jetzt nicht mehr nur die lebens­wer­teste Stadt son­dern auch Oase der Ruhe.
  • Nach­ruf auf Robin Meyer-Lucht | Netzpiloten.de – das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 – Ich kannte Robin Meyer-Lucht nicht per­sön­lich. Er hatte carta.info aus dem Boden gestampft und dort habe ich ihn über­haupt zum ers­ten Mal wahr­ge­nom­men. Ich habe carta manch­mal gehasst, manch­mal gemocht. Aber eines muss ich aus Sicht eines Online-Journalisten sagen: Er hat einen Stein in die deut­sche Online-Landschaft gerollt.
  • Robin Meyer-Lucht: Haber­mas, die Medien, das Inter­net – Die demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit hängt nicht davon ab, dass ihr von ihren tra­di­tio­nel­len Inha­bern in den eta­blier­ten Medien mit­ge­teilt wird, was sie den­ken soll. Anders als Jür­gen Haber­mas glaubt, eman­zi­piert sie sich erst im Inter­net.
  • Wolf­gang Michal » Bur­nout im Netz? - – alles, was bis­her pas­siert ist, war nur das Auf­wärm­trai­ning vor dem Start, das Sich-Ausprobieren, das Üben, das Vor­spiel. Jetzt wird es ernst.
  • Nicht NRW, Ber­lin ent­schei­det – Käme bei einer Neu­wahl 2012 eine rot-grüne Mehr­heits­re­gie­rung zustande, könnte sie gleich zu Beginn der neuen Legis­la­tur­pe­riode die unver­meid­ba­ren Grau­sam­kei­ten bege­hen, ohne befürch­ten zu müs­sen, sofort abge­straft zu wer­den. Bei der nächs­ten regu­lä­ren Land­tags­wahl 2017 wären die Kür­zun­gen längst ver­ges­sen und ver­ge­ben.
  • Wäh­rungs­re­form for Dum­mys – Dummy: Kannst nen 10ner wech­seln?<br />
    Taddi: Was willst Du denn mit dem Wech­sel­geld, ist doch bald eh nix mehr wert. Pass auf wir ma­chen es so, du gibst mir den 10ner, und über­nimmst den nächs­ten Monat die Shakes, und wenn die D-Mark nächs­ten Monat kommt, zahle ich dir alles zum Wech­sel­kurs zu­rück.<br />
    Dummy: Cool, ne win win Si­tua­ti­on.
  • Jeder achte Jugend­li­che lei­det unter Sozi­alp­ho­bie – Ser­vice – sueddeutsche.de – Etwa jeder achte Jugend­li­che hat einer Stu­die zufolge Angst vor ande­ren Men­schen. «Soziale Pho­bien sind bei Her­an­wach­sen­den zwi­schen 14 und 20 Jah­ren weit ver­brei­tet», berich­te­ten Frank­fur­ter Psy­cho­lo­gen am Mon­tag.
  • Grünen-Konkurrenz Pira­ten­par­tei: Ups, die sind ja gefähr­lich! – taz.de – Der sen­sa­tio­nelle Erfolg der Pira­ten alar­miert die Grü­nen: Sie bekom­men im lin­ken Lager Kon­kur­renz, die auf die glei­che Kli­en­tel zielt – aller­dings ohne Frau­en­quote.
Piraten und Religion

Tat­säch­lich. Es sind keine 24 Stun­den nach dem Wahl­er­folg der Pira­ten­par­tei in Ber­lin ver­gan­gen und Ver­tre­ter der Evan­ge­li­schen Kir­che krie­gen schon Muf­fen­sau­sen, dass ihnen ihre staat­li­che Finan­zie­rung abhan­den kommt. Schon inter­es­sant, wie schnell die da in Stel­lung gehen, und wie schnell die da Wis­sen­schaft­ler fin­den, die ihre Linie ver­tre­ten. (Dass den christ­li­chen Kir­chen noch das Reichs­kon­kor­dat zugute kommt, wird auch mal eben unter den Tisch fal­len gelas­sen.)
Eine bes­sere Wahl­emp­feh­lung für die Pira­ten­par­tei habe ich schon lange nicht mehr gele­sen.

Die neuen Bürgerlichen

Haben Sie den Lind­ner ges­tern gese­hen? Ent­we­der hat der unglaub­lich schlecht geschla­fen oder das Ergeb­nis sei­ner Par­tei ist ihm direkt ins Gesicht gesprun­gen. Mehr als Durch­hal­te­pa­ro­len hat er dann auch nicht mehr von sich geben kön­nen. Irgend­wie ehr­lich, dass nicht irgend­ein angeb­li­ches Fun­da­ment in den Vor­der­grund gerückt wird, ohne das Deutsch­land nicht aus­kom­men könne.
Dazu ist der Rös­ler ja auch da. Der hat zwar auch irgend­wie gese­hen, dass eine Mehr­heit der deut­schen Bevöl­ke­rung seine Par­tei gerade für ver­zicht­bar hält, aber da gibt es eine Gruppe, für die man Poli­tik machen könne: Die neuen Bür­ger­li­chen. Das sind

selbst­stän­dige Unter­neh­mer, junge Unter­neh­mens­grün­der und junge Fami­lien

Tol­ler neuer Kampf­be­griff für die Bes­ser­ver­die­nen­den: Die neuen Bür­ger­li­chen. Nicht die alten, unbe­weg­li­chen Gries­grame. Nein, Leute, die den gan­zen Tag gut gelaunt sind oder so. Das Blöde ist ja gerade, dass genau die die FDP gerade nicht wäh­len wol­len. Weil die FDP so ein schlech­tes Image hat. Und weil die keine Mini-Partei wäh­len müs­sen, um ihre Inter­es­sen zu beför­dern. Weil die auch gar nicht wis­sen, was die FDP über­haupt noch auf die Reihe bekommt. Rös­ler wollte lie­fern. Aber was? Hat das irgend­je­mand geschnallt?
Soweit mir bekannt ist Sabine Leuthäusser-Schnarrenberger eine der weni­gen in der FDP gewe­sen, die sich mal gegen das schlechte Image als Bes­ser­ver­die­ner­par­tei gewehrt hat. Wenn man sich anschaut, wen der Rös­ler da als Kli­en­tel betrach­tet, dann muss man wohl fest­stel­len, dass sich die Mei­nung der Jus­tiz­mi­nis­te­rin nicht durch­ge­setzt hat.
Das kann ja noch hei­ter wer­den in nächs­ter Zeit.

Jane Lui: Ducktales

Da hat eine junge Dame der Titel­me­lo­die des Seri­en­hits noch­mal etwas Leben ein­ge­haucht:

Klaus Kocks und die Piraterie

Meine Güte, einen so strunz­däm­li­chen Text über Poli­tik habe ich auch schon lange nicht mehr gele­sen: Klaus Kocks ver­sim­pelt die Pira­ten­par­tei auf den Nen­ner, sie sei, weil sie gegen den Begriff des geis­ti­gen Eigen­tums sei, gänz­lich gegen Pri­vat­ei­gen­tum:

Wer Frei­heit und Sozia­lis­mus will, muss Pri­vat­ei­gen­tum und Wett­be­werb wol­len.

Ich stimme der Pira­ten­par­tei in ihrer Argu­men­ta­tion zum geis­ti­gen Eigen­tum nicht zu, aber aus ihr fol­gert sich nicht, dass man gleich ganz gegen Pri­vat­ei­gen­tum und Wett­be­werb ist. Und dass die Pira­ten­par­tei für Sozia­lis­mus sein soll, der mei­nes Erach­tens gerade mit Frei­heit, Pri­vat­ei­gen­tum und Wett­be­werb auf Kriegs­fuß steht – nein, Herr Kocks ist da wohl ein­fach durch­ein­an­der gekom­men.

Jugendverdrossenheit?

Ach, Gott­chen, was soll man denn nun schon wie­der mit so einem Text anfan­gen? Johnny Haeus­ler wähnt beim Tages­spie­gel, Poli­ti­ker könn­ten jugend­ver­dros­sen sein. Dies tut er mit Blick auf die E-Petition von vor ein paar Tagen. Bei aller Liebe, Johnny, das war nicht die Jugend. Ich glaube auch nicht, dass die Pira­ten­par­tei die Jugend ist. Der Text bauscht ledig­lich Unter­stel­lun­gen auf. Poli­ti­ker­ba­shing nach dem Bau­kas­ten­prin­zip. (Übri­gens das­selbe Bau­kas­ten­prin­zip, nach dem Lobo in der Vor­wärts inkl. völ­lig ver­geig­tem Aristoteles-Bezug meinte, dass die Alten die Jun­gen wegen ihrer Tech­nik­be­geis­te­rung gei­ßeln. )

Warum Facebook die Luft ausgeht

Es gab mal im eng­li­schen Sprach­raum eine sehr hüb­sche Seite. Benut­zer konn­ten auf der Seite den Zeit­punkt bezeich­nen, an dem eine bestimmte Fern­seh­se­rie ihren Zenit über­schrit­ten hatte. Jum­ping over the shark heißt das im Eng­li­schen.
Das glei­che pas­siert gerade mit Face­book, wie mir scheint. Anfangs war Face­book eine Ant­wort auf den Infor­ma­ti­ons­über­fluss, der den Benut­zern durch das Inter­net ent­ge­gen­kommt: Man hatte eine begrenzte Anzahl ver­netz­ter Nut­zer, die in Grup­pen Infor­ma­tio­nen aus­tau­schen konnte. Diese Stra­te­gie hatte schon in den 90ern gefruch­tet und wurde in ihrer aktua­li­sier­ten Form zu einem Ren­ner.
Aber Face­book stellt keine eige­nen Inhalte her und ist auf die Krea­ti­vi­tät ihrer Nut­zer ange­wie­sen. Der Aus­stoß davon aber sta­gniert und geht zurück: Der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch, die Dis­kus­sion über Grup­pen ist so tot wie bei Stu­diVZ. Man steht vor dem­sel­ben Über­an­ge­bot von Baga­tel­l­in­for­ma­tio­nen, des­sen Absti­nenz Face­book einst so inter­es­sant machte. Das ist zumin­dest der Ein­druck, den ich gerade habe. In mei­ner Time­line sind oft­mals die­sel­ben Leute, die den­sel­ben lang­wei­li­gen Kram abson­dern.
Dage­gen kann man nicht anpro­gram­mie­ren, denke ich. Erst ver­ab­schie­den sich die krea­ti­ven Köpfe, die Face­book eher als stö­rend denn als hilf­reich erach­ten, dann die Mar­ke­ting­men­schen, und wer immer da noch über­bleibt, er wird Face­book nicht wie­der­er­hy­pen kön­nen.
Das klingt sicher­lich etwas defäi­tis­tisch, aber das nächste große Ding wird kom­men, keine Sorge.

Bully & Sasha: Im Planwagen vor mir

Art Spiegelman – Comic-Zeichner

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Vor 5 Jahren