Rainer Erlinger über too much information

Der Haus- und Hof-Philosoph der Süd­deut­schen Zei­tung hat sich mit dem Begriff too much infor­ma­ti­on beschäf­tigt. Eine Mut­ter schreibt ihm, dass ihre Toch­ter ihr eine Fra­ge gestellt hat, bei der Ant­wort aber gar nicht lan­ge zuge­hört hat, weil — auf Nach­fra­ge — die Ant­wort ihr nicht hilf­reich erschien. Die Mut­ter fragt, ob es nicht mora­lisch gebo­ten sei, als Fra­gen­der unab­hän­gig vom eige­nen Gedan­ken, ob die Ant­wort hilf­reich ist, der Ant­wort zuzu­hö­ren.

Erlin­ger meint, dass es bei die­sem Fall u.a. um die Fra­ge gin­ge, wo man die Gren­ze, ab der man nicht mehr zuhö­ren muss, fin­det. Offen­bar ist das eine phi­lo­so­phisch zu klä­ren­de Fra­ge für Herrn Erlin­ger. Da hät­te ich ger­ne mal gewusst, wie­so das denn der Fall ist.

Erlin­ger behan­delt den Fall des Aus­kunftsu­chen­den:

Wenn man von jeman­dem etwas wis­sen will, benutzt man ihn als Mit­tel zur Erlan­gung die­ser Infor­ma­ti­on. Aber der­je­ni­ge bleibt eigen­stän­dig sowohl in der Ent­schei­dung, ob er oder sie ant­wor­tet, als auch dar­in, was und wie umfang­reich. Unter­bricht man ihn jedoch, weil man das, was er ant­wor­tet, doch nicht wis­sen will, zeigt man, dass man nur an einer bestimm­ten Infor­ma­ti­on inter­es­siert ist, nicht aber an dem, was der ande­re zu die­sem The­ma sagen will. Man redu­ziert ihn tat­säch­lich auf ein Aus­kunfts­mit­tel.

Erlin­ger sieht nur an einer Stel­le eine Berech­ti­gung, den Aus­kunft­ge­ben­den zu unter­bre­chen:

wenn die Ant­wort nicht mehr für den Fra­gen­den erfolgt, son­dern umge­kehrt der Ant­wor­ten­de den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht. Dann gilt: TMI.

Erlin­ger tut lei­der so, als sei es so sim­pel aus einer For­mu­lie­rung von Kant einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv für alle Men­schen zu zau­bern. Dem ist nicht so. Zunächst ein­mal han­delt es sich im vor­lie­gen­den Fall um eine pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der nicht zwin­gend kate­go­ri­sche Impe­ra­ti­ve eine Rol­le spie­len.

Wenn ich jeman­den um Rat fra­ge, dann impli­ziert das nach Kant mög­li­cher­wei­se einen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv. Nahe­lie­gend wäre, dass er beinhal­tet, dass jemand bei einer Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet, so wie man selbst es wünscht, dass ein jeder bei einer sol­chen Fra­ge best­mög­lich ant­wor­tet. Ein Bruch die­ses Abkom­mens wäre es, bei einer Gegen­fra­ge für eine Beant­wor­tung nicht zur Ver­fü­gung zu ste­hen, gera­de wenn ich über eine hilf­rei­che Ant­wort ver­fü­ge. Im Bei­spiel, dass Erlin­ger bear­bei­tet, ist aber genau das der Fall: Die Toch­ter ant­wor­tet der Mut­ter auf deren Gegen­fra­ge. Die Toch­ter betrach­tet die Mut­ter dem­nach gera­de nicht ledig­lich als Mit­tel, denn sie reagiert so, wie es mit dem oben geschil­der­ten Impe­ra­tiv gefor­dert wird.

Erlin­ger müss­te erklä­ren, wes­we­gen ein sol­cher kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv über­haupt beinhal­ten soll­te, dass man gedul­dig einer Ant­wort lauscht, wenn schon abzu­se­hen ist, dass die Ant­wort dem Fra­gen­den nicht wei­ter­hilft, so wie es schein­bar im Bei­spiel der Fall war.

Wenn mir jemand etwas erzählt und ich schaue ihn dabei an, kann er nicht wis­sen, ob ich zuhö­re oder nicht. Selbst Ges­ten und Bewe­gun­gen kön­nen nur nahe­le­gen, dass ich zuhö­re. Hat mein Gegen­über ein Recht dar­auf, dass ich zuhö­re und das Gehör­te ver­ar­bei­te und hat er ein Recht dar­auf, dass er zu Ende reden darf? Habe ich die Pflicht dazu?

Man sieht schnell: Eine sol­che Pflicht ist gar nicht ver­all­ge­mei­ner­bar, denn sie wür­de Men­schen nöti­gen, ande­re (nach Erlin­ger zumin­dest bei nicht selbst ver­herr­li­chen­den Ant­wor­ten) gene­rell aus­re­den zu las­sen, rela­tiv unab­hän­gig von der Hil­fe, die die Ant­wort dar­stellt, und von der Län­ge der Ant­wort, so the­ma­tisch pas­send sie auch sein mag.

Es gibt die unter­schied­lichs­ten Momen­te, in denen man ande­re in ihrer Rede unter­bricht, und die­se sind unter­schied­lich gut begrün­det. Manch­mal schnei­det man jeman­dem das Wort ab, weil der aus­ge­führ­te Gedan­ke bekannt ist, und es für den Ange­re­de­ten uner­heb­lich ist, den blo­ßen Gedan­ken gänz­lich aus­zu­füh­ren. Mit­un­ter ist das The­men­ge­biet auch so klar, dass Anek­do­ten das eigent­li­che The­ma nicht berei­chern.

Sofern es nicht mein Ziel ist, jeman­den ande­ren zu erzie­hen oder ihm durch Zuhö­ren Wohl zu tun, muss ich sei­ne Ant­wort nicht abwar­ten. Es ist mir aller­dings unbe­nom­men, mir selbst eben einen sol­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv auf­zu­er­le­gen.

Imma­nu­el Kant beinhal­tet die­sen gan­zen Bereich in einem Text­stück, das Erlin­ger nicht so geläu­fig scheint, und zwar im Abschnitt Von den Tugend­pflich­ten gegen Ande­re in Die Meta­phy­sik der Sit­ten. Eine nahe­zu unbe­ding­te Zuhör­pflicht fin­det sich dort nicht.

Und zur Ant­wort über die Aus­nah­me zu Erlin­gers Zuhör­pflicht sei gesagt: Dass ein Ant­wor­ten­der den Fra­ge­stel­ler als blo­ßes Mit­tel für sei­ne Selbst­dar­stel­lung gebraucht, muss nicht bedeu­ten, dass die Ant­wort für den Zuhö­ren­den kei­ne inhalt­li­che Berei­che­rung dar­stellt. Hein­rich von Kleist war gar der Mei­nung, man sol­le bei jeder Gele­gen­heit Zuhö­ren­den sei­ne Gedan­ken aus­le­gen, um sie so ver­bes­sern zu kön­nen. Es ist unklar, wie­so das eine Ver­let­zung eines nicht bloß per­sön­li­chen kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs sein soll.

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Lesezeichen vom 29. September 2015

Lesezeichen von heute
  • Micha­el Woll­ny — Ich bin immer noch scho­ckiert, und auch… ” In knap­pen Wor­ten berich­tet, macht wohl gera­de das Gerücht die Run­de: “Bei EDEKA Woll­ny klau­en die Asy­lan­ten den Laden leer, aber die Medi­en dür­fen es nicht berich­ten, damit kei­ne Unru­he aufkommt.”<br><br>
    Kur­ze und knap­pe Ant­wort von dem, der es wohl am Bes­ten weiß (und das bin ich als Inha­ber): Wer die­ses Mär­chen unre­flek­tiert auf­nimmt und wei­ter erzählt, der erzählt abso­lu­ten Bull­shit!”
  • #ein­heits­mo­men­te: Wie Poli­ti­ker für die Deut­sche Bank wer­ben | boschblog.de
  • Stop Goog­ling. Let’s Talk. Sher­ry Turk­le: “This is our moment to ack­now­ledge the unin­ten­ded con­se­quen­ces of the tech­no­lo­gies to which we are vul­nerable, but also to respect the resi­li­en­ce that has always been ours. We have time to make cor­rec­tions and remem­ber who we are — crea­tures of histo­ry, of deep psy­cho­lo­gy, of com­plex rela­ti­ons­hips, of con­ver­sa­ti­ons, art­less, ris­ky and face to face.”
  • Gesetz gegen Router-Zwang droht doch noch zu schei­tern | hei­se online
  • Was die Recht­spre­chung sagt: Sati­re darf nicht alles Chris­ti­an Scherz im Febru­ar: “Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit muss hin­ter dem Schutz des Indi­vi­du­ums vor Dif­fa­mie­rung zurück­tre­ten.”
  • Kom­men­ta­re im Inter­net: Mir doch egal! — Inter­net “Im ver­gan­ge­nen Jahr frag­te der Sen­der Kabel eins sei­ne Zuschau­er auf Tafel 181 im Tele­text: »Führt der Ukraine-Konflikt zum 3. Welt­krieg?« Die Mehr­heit ant­wor­te­te nicht »Ja« oder Nein«, son­dern »Mir egal«. Das über­rasch­te, weil die bis­he­ri­gen Welt­krie­ge die Deut­schen durch­aus beschäf­tigt haben. Eben­so erstaun­lich ist, dass die Teil­neh­mer der Umfra­ge 25 Cent pro Anruf aus dem Fest­netz (»Mobil­kos­ten höher«) dafür zahl­ten, der Welt mit­zu­tei­len, dass sie die Fra­ge nicht inter­es­siert. ”
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Guten Morgen

Morgenkaffee

Dani­jel Majic nimmt Harald Mar­ten­stein aus­ein­an­der.

Ich habe ja noch so eine Lokal­blog lau­fen, und manch­mal über­schnei­tet sich da doch die the­ma­ti­sche Aus­rich­tung. Ges­tern Abend stell­te sich mir die Fra­ge, wie man es als Zei­tung eigent­lich ver­ein­ba­ren kann, dass ein Mit­ar­bei­ter gleich­zei­tig über das Hetz­blog Poli­ti­cal­ly Incor­rect publi­ziert, wie sei­ne tat­säch­li­chen Ansich­ten über Flücht­lin­ge sind.

Ein leicht ver­stö­ren­des Bild gibt’s hier.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Sind Bil­der, die Ver­stö­ren­des zei­gen, eigent­lich weni­ger schlimm als Bil­der, die die Ver­stö­rung des Künst­lers zei­gen? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

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Lesezeichen vom 28. September 2015

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Guten Morgen

Morgenkaffee

Bun­des­schieß­mi­nis­te­rin von der Ley­en steckt im Pla­gi­ats­sumpf. Und jetzt kommt das Übli­che: Bei der CDU muckert man über die­se unzu­rech­nungs­fä­hi­gen Idio­ten im Inter­net, wäh­rend die Wis­sen­schaft­ler hin­ter Vro­ni­plag die Aberken­nung des Dok­tor­gra­des for­dern.

Der NDR hat raus­ge­fun­den, dass in diver­sen Möch­te­ger­ne­del­re­stau­rants statt aus­ge­schrie­be­nen Scam­pis Gar­ne­len auf den Tel­ler kamen. Bei Vapia­no will man jetzt die Kar­te umschrei­ben. Kei­ne Poin­te.

Frank Lüb­ber­ding pol­tert heu­te im Alt­pa­pier gegen Face­book:

Face­book lebt von der Distanz­lo­sig­keit sei­ner Kun­den. Es ist damit das Gegen­teil eines rich­tig ver­stan­de­nen Jour­na­lis­mus. Die­se Distanz­lo­sig­keit ist Teil des Geschäfts­mo­dells. Denn die Wer­bung funk­tio­niert bekannt­lich nur des­halb, weil sie sich auf die indi­vi­du­el­len Inter­es­sen und Bedürf­nis­se des Nut­zers ein­zu­stel­len ver­sucht. Er soll nur noch das erfah­ren, was ihn mög­lichst nicht irri­tiert. Face­book ist daher reprä­sen­ta­tiv für die Online­lo­gik. Es ist eine Welt­bild­be­stä­ti­gungs­ma­schi­ne. Die Hass­pos­tings sind der Kol­la­te­ral­scha­den die­ser Logik.

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Wer ist eigent­lich in der Fuß­gän­ger­zo­ne für die ver­ba­len Aus­fäl­le zustän­dig? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.

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Lesezeichen vom 27. September 2015

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Flüchtlingsopfer

Jörg Babe­row­ski darf sich heu­te in der NZZ am Sonn­tag aus­kot­zen:

Wer die Migra­ti­ons­po­li­tik von Ange­la Mer­kel zu kri­ti­sie­ren wagt, wird […] von der Debat­te aus­ge­schlos­sen. […] Deutsch­land ist ein Land ohne Oppo­si­ti­on, des­sen Regie­rung wünscht, dass in ihm nur noch eine Spra­che gespro­chen und nur noch eine Auf­fas­sung ver­tre­ten wer­de. […] Deutsch­land wird sich bis zur Unkennt­lich­keit ver­än­dern. Der sozia­le Frie­de und der Zusam­men­halt ste­hen auf dem Spiel. Man kann nur hof­fen, dass Deutsch­land an der Auf­ga­be, die unkon­trol­lier­te Mas­sen­ein­wan­de­rung zu bewäl­ti­gen, nicht zer­bricht.

Ja, lie­be NZZ, so hört sich das an, wenn man die Kom­men­tar­spal­te Pro­fes­so­ren, die wie Pegida-Anhänger klin­gen, zur Ver­fü­gung stellt. Ich gehö­re ja zu den Deut­schen, die so ein ner­vö­ses Augen­lid­zu­cken bekom­men, wenn in einem Text ohne gro­ße Not mehr als fünf Mal das Wort “Deutsch­land” vor­kommt. Das ist immer so ein Zaun­pfahl­wink.

In Deutsch­land wer­den sozia­le Ein­hei­ten nicht durch Immi­gran­ten gefähr­det. Der sozia­le Frie­de viel­leicht schon, wenn das bedeu­tet, dass rech­te Intel­li­genz­ver­sa­ger Gewalt aus­üben. Aber von sozia­lem Frie­den zu spre­chen, nur weil die Rech­ten kei­ne güns­ti­ge Gele­gen­heit sehen, zu Gewalt auf­zu­ru­fen und sie aus­zu­füh­ren, das ist schon etwas zynisch.

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Lesezeichen vom 26. September 2015

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